Recherche, Material und warum Dunkelheit ein Lebensraum ist
Lampyris noctiluca: Leuchtkäfer, Lichtverschmutzung und mein Mixed-Media-Werk „Irrwege“
Manchmal beginnt ein neues Bild nicht mit einer Skizze, sondern mit einer Entdeckung, die einen nicht mehr loslässt. Für den Love Nature Art Open Call habe ich mich intensiv mit dem Großen Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca) beschäftigt. Daraus ist mein Mixed-Media-Projekt „Irrwege“ entstanden.
Mein Werk wurde nicht für die Ausstellung ausgewählt – aber das Thema lässt mich nicht los, deshalb bekommt „Irrwege“ hier seinen Platz. Es geht um Lampyris noctiluca und darum, wie Lichtverschmutzung ein winziges, lebenswichtiges Signal überlagert. In diesem Beitrag nehme ich euch mit in die Recherche – und in die Entscheidung, wie daraus Material, Farbe und Faden wurden.
Dunkelheit als Lebensraum
Was mich an Lampyris noctiluca so gepackt hat, ist diese stille Abhängigkeit von Dunkelheit. Bei dieser Art können die Weibchen nicht fliegen. An warmen Sommerabenden klettern sie an Grashalmen hoch, schalten ihr gelbgrünes Leuchten an und warten. Die Männchen fliegen durch die Nacht, leuchten (bei dieser Art) aber nicht – sie orientieren sich nur an diesem einen, kleinen Lichtpunkt.
Und genau hier wird es fragil: Sobald künstliches Licht die Nacht aufhellt, geht das Signal im Rauschen unter. Was eigentlich Verbindung ist, wird plötzlich Orientierungslosigkeit.
Lichtverschmutzung
Und genau da greift unser Alltag ein: Lichtverschmutzung. Wenn künstliches Licht von Straßenlaternen, Schaufenstern oder Displays die Nacht aufhellt, geht das Signal im Rauschen unter. Die Männchen finden die Weibchen schlechter – und die Natur verliert hier ganz leise ihre Verbindung.
Was Lichtverschmutzung messbar macht
Wenn man anfängt, sich in das Thema einzulesen, landet man schnell bei einer Skala, die das Ganze überraschend greifbar macht: der Bortle-Skala. Sie beschreibt die Himmelsqualität bzw. Dunkelheit des Nachthimmels – von Klasse 1 (sehr dunkler, natürlicher Sternenhimmel) bis Klasse 9 (Innenstadt, kaum Sterne).
Was mich daran getroffen hat: Sehr dunkle Himmel (Bortle 1–3) sind in Deutschland selten – selbst dort, wo es „ländlich“ wirkt, ist die Nacht oft schon deutlich aufgehellt.
Für Arten wie Lampyris noctiluca ist das kein Detail, sondern ein Eingriff in ein System, das auf Dunkelheit angewiesen ist: Sichtbarkeit, Orientierung, Partnersuche. Und der schlichteste Hebel bleibt oft der naheliegendste: Licht aus, wo es nicht wirklich gebraucht wird – damit dunkle Korridore überhaupt wieder eine Chance haben.
Und genau deshalb lohnt es sich, bei Außenlicht nicht nur über Helligkeit, sondern über Richtung und Lichtfarbe nachzudenken.
Insektenfreundliche Beleuchtung: was schon heute möglich ist
Das Gute ist: Wir sind dem Problem nicht ausgeliefert. Es gibt mittlerweile klare Empfehlungen und Studien, die zeigen, wie Außenbeleuchtung insektenfreundlicher werden kann – ohne einfach „mehr Licht“ zu machen. Zwei Hebel tauchen dabei immer wieder auf:
- Licht gezielt führen statt streuen (z. B. durch Abschirmungen/Blenden, damit möglichst wenig Licht in die Umgebung abstrahlt)
- warmes Licht mit niedriger Farbtemperatur (warmweiß bis amber; häufig wird ≤ 2700 K empfohlen), weil kühles, blauhaltiges Licht Insekten stärker anzieht.
Digitale Skizzen
Bevor Material ins Spiel kommt, gab es bei mir erst grobe digitale Skizzen: Farbflächen, Richtungen, ein paar schnelle Entscheidungen. Keine ausgearbeitete Vorlage – eher ein Feldtest dafür, wie sich „Signal“ und „Störlicht“ im Bild anfühlen könnten.
Der Prozess: Wenn der Faden die Richtung verliert
Dieses unsichtbare Suchen – und das plötzliche Chaos – wollte ich spürbar machen. Für „Irrwege“ habe ich Acrylfarben mit gestickten Elementen kombiniert: Acryl auf schwerem 300 g/m² Papier, dazu Baumwollfaden. Ich habe bei diesem Werk bewusst langsam gearbeitet: lieber ein Schritt weniger am Tag, dafür jede Entscheidung (Farbe, Stich, Richtung) einmal mehr geprüft.
Zuerst kam die dunkle Basis: tiefe, fast schwarze Grün- und Blautöne, wie Waldboden in der Dämmerung. Die Körper der Weibchen habe ich nur mit sehr wenig Strukturpaste (teilweise auch ganz ohne) leicht aufgebaut und mit fluoreszierender Farbe betont, damit das Leuchten wirklich von innen kommt.
Das fliegende Männchen ist bei Lampyris noctiluca für uns im Dunkeln fast unsichtbar. Deshalb taucht es nicht als Figur auf, sondern als Spur: ein feiner Baumwollfaden, den ich an den bemalten Untergrund angepasst habe, damit er wirklich „verschwindet“.
Dafür habe ich durch das Papier gestickt. Der Faden startet links oben ruhig und zielgerichtet – und kippt, sobald das künstliche Licht von rechts oben ins Bild bricht. Ab da wird aus der Linie ein Zacken, aus Suche ein Umherirren.
Um den Bruch zu verstärken, habe ich mich bewusst dazu entschieden das Bild in zwei zu teilen.
Das Werk im Fokus: „Irrwege“ (2026)
Titel: Irrwege
Technik: Mixed Media (Acryl auf 300g/m² Papier + Baumwollfaden)
Maße: 30×40 cm
Jahr: 2026
Art: Lampyris noctiluca (Großer Leuchtkäfer)
„Irrwege“ beleuchtet die Bedrohung von Lampyris noctiluca durch menschengemachte Lichtquellen. Der Flug der männlichen Tiere ist als Baumwollfaden gedacht: eine Spur, die sich farblich an den Untergrund anpasst und fast verschwindet. Die Bewegung beginnt als zielgerichtete Suche nach dem weiblichen Leuchten – und kippt, sobald künstliches Licht von rechts oben in die Komposition bricht. Aus der fließenden Linie wird eine zackige, unruhige Struktur: ein Bild für Orientierungslosigkeit und ein Signal, das im hellen Rauschen untergeht.
Gedanken zum Schluss
„Irrwege“ hat jetzt einen festen Platz an meiner Atelierwand – als Erinnerung daran, dass Dunkelheit nicht einfach „Leerraum“ ist, sondern Lebensraum.